Freitag, 15. August 2014

Sansibar wie bist du schön



Nach einem kurzen Ausraster, weil man wieder 100 Taxifahrer, flycacher und Verkäufer mich, den Mzungu (in etwa: Weißer, Fremder, Nicht-Afrikaner, Europäer, man stelle sich mal vor, man würde in Deutschland einen Menschen so ansprechen und es wäre absolut politisch korrekt und "nett gemeint", was hier alle betonen) auf einmal beanspruchten war ich unendlich froh, auch mal wieder auf andere -gleichgesinnte- Touris zu stoßen.
Der Touri -so stellte sich heraus- war der Mensch, der mich in die NGO in Dodoma hätte einarbeiten sollen, wenn der Emailverkehr besser funktioniert hätte. So jedenfalls traf ich ihn nun auf der Straße auf Sansibar und stellte einmal mehr fest, wie klein die Welt doch sein kann.

Es folgten andere Menschen, wunderbare Abende auf Nightmarkets, wo die Locals -zumindest während des Ramadan- abends zu Scharen zusammenkommen, um endlich zu essen (wobei die Scharen nichts waren im Vergleich zu den Scharen die NACH Ramadan so kamen...) die Stimmung war super, oft begleitet von Musik und Festmahl und anschließenden Cocktails mit der meist damit verbundenen verzweifelten Suche nach seinem Hostel, inmitten der winzig kleinen Gassen gegen 3 Uhr morgens.

Auch gegen die (manchmal wirklich ZU) aufdringliche Locals, Männlein, wie Weiblein (wir fanden später heraus, dass unsere Stammbar direkt auf dem ehemaligen Straßenstrich stand, was einiges erklärt) fanden sich schnell Abwehrmittel und so wurde ich nacheinander Ehefrau, Verlobte, Tante und Schwester von Mitreisenden: je kreativer die Story, desto länger konnte man unerwünschte Tischgäste damit beschäftigen, was sie davon ablenkte, dass sie ja eigentlich ein Getränk + reichem Ehegatten erschleichen wollten.
Ein kleiner Wermutstropfen: auch auf Sansibar gibt es derzeit Anschläge, ebenso wie in Tansania selbst. Man kommt davon relativ wenig mit, da selbst die Regierung oder die Medien teilweise nicht darüber berichten, so erfuhr ich beispielsweise von einem Reisenden, der sich vorher in Kenia aufgehalten hatte, dass es auch einen kleineren Anschlag in Arusha gab, zu der Zeit, als ich in dort in der Nähe war. Ich selbst hab davon mal gar nichts mitbekommen und die Leute, bei denen ich wohnte ebenfalls nicht, was ich schon ganz schön beunruhigend fand.
Jedenfalls kreisen die Gerüchte, eins -das vielleicht derzeit stärkste hier- ist, dass Kenia nun Tansania attackiert, um die Touristen, von denen viele von Kenia auf Tansania umgebucht haben, zurückzubekommen. Wie gesagt, nur eine Theorie, die Infos sind auch derzeit zu schwach, um eine wirkliche Meinung an dieser Stelle zu vertreten aber uninteressant ist das schon alles nicht...
Trotz alledem ist bzw. war die Sansibar Auszeit so ziemlich der perfekteste Urlaub, den man sich wünschen kann, es hat an so gar nichts gefehlt: gute Menschen, gutes Essen, Traumstrände und türkisenes Meer, Sternschnuppen, Sonnenuntergänge und Lagerfeuer, Bongos und Gitarren, Road- und Bootstouren, Cocktails und Parties...........eben alles, was man so braucht zum zufrieden sein.
Auch hatte ich zufällig die beste Zeit gewählt. Im Grunde wollte ich mir das traditionelle Neujahrsfest anschauen, was laut Internet und jeglichem Reiseführer in der letzten Juliwoche stattfindet. Es ist allerdings diesmal Mitte August... So verpasste ich dieses, war dafür aber pünktlich zum Eid vor Ort (bei uns unwissenden Touris besser bekannt als Eat, was auch viel besser passt).
Dieses bedeutet das Ende vom Ramadan und wird in etwa so groß gefeiert, wie bei uns Silvester. Zu allererst isst man. Und dann isst man noch etwas mehr. Die Kinder laufen alle übertrieben geschminkt und geschmückt mit Massen an Geld (verhältnismäßig) herum und kaufen Süßigkeiten.
Woher das Geld auf einmal kommt? Korruption in schönster Form. Ein paar Beispiele: wir wurden auf unserer Roadtour öfters mal angehalten und hatten unsere internationale Lizenz vergessen (das lassen wir einfach mal so stehen), hatten also nur den normalen Führerschein. Während des Ramadan: 2000 Shilling (1€), am Abend vor Eid: 10.000 Schilling (5€, immer noch wenig aber halt das 5fache). Zwei Chapati auf dem Markt, während Ramadan: 600 Schilling (30 Cent), am Abend vor Eid: 4000 Schilling (2€) sogar ein Freund von uns musste bei der Polizei frei gekauft werden, weil die netten Polizisten plötzlich der festen Überzeugung waren, dieser junge Herr, der seit Tagen mit uns rumhing, sei ein nicht lizensierter Tourguide und müsse eine Lizenz erwerben.
Verrückt ist das aber zurück zum Eid. Manhat also Geld, woher auch immer und isst.
Zwischendurch trinkt man Mengen an Conyagi und isst noch etwas mehr (wir Touris übrigens auch, endlich gibts wieder an jeder Ecke essen und man kann es draußen essen und muss sich nicht dafür in einen geschlossenen Raum zurückziehen!). Nachdem man wirklich wirklich wirklich voll ist, wird gefeiert. Die Familien auf der Straße und auf den Märkten (damit man schnell an neues Essen kommt), während die Kinder (und manche Papas) ein kleines Nickerchen unter und um die Marktstände herum halten. Die Jugend verdrückt sich in endlich wieder geöffnete Clubs. So auch wir. Eine geniale Party war das! Unter freiem Sternenhimmel wurde stundenlang getanzt (und tanzen ist hier wirklich tanzen, nicht das motorische ein-Arm-in-die-Luft-und-möglichst-im-Takt-bouncen, was man so aus deutschen Clubs kennt...) und als es zu regnen anfing, wurde die Stimmung nur noch besser bei dieser willkommenen Abkühlung.
Was gibt es sonst noch zu erzählen?
1) Meine felsenfeste Überzeugung, man kann von jedem Menschen etwas Neues lernen (everyone you meet, knows something you don't) wurde etwas auf die Probe gestellt bei einer Diskussion über Religion und Evolution. Die Kernaussagen meines Gegenübers lassen sich wie folgt zusammenfassen: "was zum Teufel ist Atheismus???", "Evolution kann es nicht geben, denn mit einem Affen habe ich sicher nichts zu tun", "Dinosaurier hat es nie gegeben" und "Vampir sein muss toll sein... So ohne Seele". An dieser Stelle räumte ich meiner Überzeugung eine Ausnahme ein und fordere hiermit mehr Biologieunterricht in Afrika.
2) Deutschland braucht pole sana (lässt sich am besten übersetzen mit "oooooooooh")
3) Deutschland braucht polepole (langsam, entspann dich mal) aber Afrika braucht definitiv haraka haraka (schnell schnell)
4) Busfahren ist gar nicht so schlimm, wenn sie gute Filme zeigen und gute Musik spielen (gute Musik heißt keine Dauerschleife von überdicken jaulenden Frauen vor einem Auto und gute Filme heißt kein in Swahili übersetzter Film, die sind nämlich meistens zu faul, um den ganzen Film neu zu synchronisieren und so hat man die Originaltöne, alle 3 Sekunden unterbrochen von einem Swahili sprechenden Erzähler, der erzählt, was grad passiert. Dann wieder 3 Sekunden Ton, dann wieder Erzähler. Hört sich klasse an.)
5) "alleinöööö" "to meeeeeee" und "Einhörner" außerdem:
"Jambo Jambo Bwana
Habari Gani - Mzuri Sana
Wageni Mwakaribishwa
Zanzibar Yetu Hakuna Matata"
6) Medizinische Info für Tante Piedl: neuste Erkenntnisse aus dem gut riechenden Sansibar: Seeigel im Fuß: aua. Seeigel kommt nicht aus'm Fuß raus: irgendwann sehr doll aua. Zansibarisches Hausmittel: unreife Papaya suchen, reinpieksen, Flüssigkeit auf Fuß verteilen, eine Nacht warten, rausquetschen.
Ich habe von einigen gehört, das hilft Wunder, bei mir leider nicht, ich hätte vielleicht nicht so lang warten sollen (und barfuß rumlaufen sollen, so dass da jetzt hundert Hautschichten drüber sind) und ich hätte vielleicht nach der Papaya (die definitiv desinfiziert und den Schmerz nimmt) nicht tanzen gehen sollen. Nun lebe ich mit meinen zwei kleinen Stacheln und wir fangen an, uns zu mögen. Ich habe sogar schon daran gedacht, eine Art Spiderman-Karriere zu beginnen. Leonella Seeigel. Könnte ein Erfolg werden.

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